Musik schafft Freu(n)de

Chronik

Was eigentlich als Hausmusik angedacht war, hat sich im Laufe der Jahre zu einem hervorragenden Blasorchesters entwickelt.
Der Gründer des Orchesters, Friedrich Stuckenschneider, war 1943 in Afrika in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten und dort auf eine Flak-Regimentskapelle gestoßen, die mit ihren Instrumenten ebenfalls in Gefangenschaft geraten war. Dort lernte er den Beruf eines Blasmusikers kennen und schätzen. Sonntagskonzerte im Lager, Auftritte in der amerikanischen Öffentlichkeit brachten Abwechslung in das eintönige Lagerleben.
Im Jahre 1947 nach Hause zurückgekehrt, suchte er mit Hilfe seiner Brüder Heinz und Werner nach weiterer musikalischer Unterstützung. Dazu kam noch ein Junge aus der Nachbarschaft, der von seinem Onkel ein altes Tenorhorn bekommen hatte. So wurde dann in dieser merkwürdigen Besetzung: Trompete, Klarinette, die vom Vater stammte, Es- Horn, das irgendwo aufgetrieben worden war, und dem alten Tenorhorn, geübt. 

Die Hellinghäuser Mitbürger hatten unter diesen ersten Tönen zu leiden, da meistens Draußen im Freien in der Laube oder am Brunnen geübt wurde. Friedrich Stuckenschneider, der zu der Zeit in Münster studierte, schrieb und transponierte Noten für jedes Instrument seiner Mitstreiter. Warum sollte er nicht mit Kirchenlieder beginnen, zumal vom Orgelbuch die komplette Besetzung übernommen werden konnte? Also schrieb er für jedes Instrument die entsprechenden Noten.

Der Eifer seiner Musiker ließ nicht nach. Im Jahre 1951 begeleitete diese kleine Gruppe mit Hilfe eines gestandenen Musikers aus der Feuerwehrkapelle Störmede mutig die Fronleichnamsprozession, die damals noch über die drei Dörfer des Kirchspiels zog und über 3 Stunden dauerte. Die erste Rast wurde in Overhagen gemacht, es gab bei Hombergs ein Frühstück und dazu den ersten Schnaps. Gestärkt ging es dann weiter zur 2. Rast in Herringhausen. Und wieder gab es ein Getränk, ebenso wie bei der 3. Rast am Schoss Herringhausen, wo man sich wieder stärkte.

 Als die kleine Truppe dann in Hellinghausen einzog, stand der alte Vater Stuckenschneider, der selber Militärmusiker gewesen war, bei Deppen an der Ecke und meinte wohl später, `da seien doch einige falsche Töne dazwischen gewesen`.

Dennoch hatte die kleine Kapelle mutig oder besser übermutig die 3 Stunden durchgehalten. Als kleines Dankeschön für dieses Durchhaltevermögen gab es den ersten Lohn aus der Kollekte in Höhe von 37,86 DM und einige Glas Freibier im Gasthof Scheer in Hellinghausen.

Damit war der Grundstein für die weitere Entwicklung dieser noch sehr kleinen Musikgruppe gelegt.  

Auch der kleinste Erfolg macht Mut und gibt neuen Schwung. Der Gastwirt Johannes Scheer bot nun als Proberaum das kleine Stübchen hinter dem Ausschank an. Dort wurde von nun an sonntags nach dem Hochamt regelmäßig geprobt. In der Folgezeit gab es einige kleine Auftritte bei Familienfesten  und damit auch kleine Einnahmen. Zugleich meldeten sich musikbegeisterte Kollegen an. Für das Tenorhornregister kam Ernst Scholz, der aus seiner Heimat vertrieben worden und dort schon als Musiker tätig war. Aus den Einnahmen wurde ein gestrecktes altes Tenorhorn von der noch kleinen Kapellegekauft. Ernst Scholz, der eine große Familie zu ernähren hatte, zahlte den Betrag in beliebigen Raten zurück. Anton Dröge trat der als Klarinettist der Gruppe bei, August Kranz mit Sohn Peter verstärkte das Trompetenregister. Am Weißen Sonntag1952 begleitete die Kapelle die Kommunionkinder vom alten Pfarrhaus zur Kirche. Dazu mussten vom Kapellmeister neue Noten geschrieben werden. Mit der Zeit wurde das kleine Stübchen im Gasthof Scheer zu klein und man zog in die beiden östlich gelegen Stübchen um. Friedrich Stuckenschneider holte mit dem Fahrrad eine alte Pauke aus Erwitte. Sein Vater spendete seine alte Militärtrommel. Felix Szczepaniak bekam ein Paar gebrauchte Becken, Alfons Räker schlug die Pauke und schon war die Gruppe für Marschmusik bereit. Lausitzer Märsche und Bismärker-Blastänze vervollständigten das Programm.

Schon 1954 erfolgte der erste Auftritt auf dem Schützenfest in Böckum-Norddorf. Passend zum „Wunder von Bern“ brachten die Musiker nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft mit Thekenliedern und Schlagern das Zelt in Böckum zum Kochen.

Bald darauf traten noch mehr Musiker der kleinen Gruppe bei. Weitere Noten wurden gekauft. Die Auftritte häuften sich. Es begann die Zeit der Martinszüge. Neue Noten wurden geschrieben. Lehrer W. Ferber von der Volksschule in Herringhausen übte die Lieder und bastelte Laternen. Dieser alte Brauch lebte nun überall wieder auf. Die Musiker erhielten Einladungen aus Bad Westernkotten, Lippstadt, Bökenförde, Liesborn so dass manchmal erhebliche Terminschwierigkeiten entstanden. Ein Bassist fand sich ein, ein Lehrling vom Schloss, der gewaltige Töne hervorzauberte, die laut aber nicht immer richtig waren. Werner Räker übernahm das Tenorhorn, bzw. den Bariton. Als Ernst Scholz sich dann eine neue Posaune zulegte, war die Besetzung komplett. Neuen Schwung brachten die Sänger aus dem Männergesangverein Overhagen, die sich nach der Fronleichnamsprozession in fröhlicher Runde bereit erklärten, mitzumachen und ein Instrument zu erlernen. Es waren Friedrich-Wilhelm Hast und sein Bruder Gustav, später kam der Bruder Heinz hinzu, der ein gebrauchtes Helikon blies. Sie nahmen Unterricht beim Kapellmeister und nach kurzer Zeit standen sie ihren Mann. Dazu kam noch ein ehemaliger Militärmusiker aus den Sudeten, Georg Deisinger, und ein erfahrener Bassist aus Oberschlesien mit Namen Schlösinger. Beide wohnten in Lippstadt und waren froh endlich wieder musizieren zu können. Größere Anschaffungen waren jetzt möglich. Die Mitglieder der Kapelle bildeten ihre Söhne aus. So fanden sich sehr bald Jugendliche im Orchester ein. Klaus- und Thomas Stuckenschneider, Ludger-, Lorenz- und Lucia Hast, Andreas Hast, Michael Schulte und Elmar Harlinghausen. Richard Scholz, der bald die erste Trompete übernahm, so dass der Kapellmeister sein Flügelhorn zur Seite  legte und den Taktstock übernahm.

Charakterstücke, Operettenquerschnitte u.s.w. vervollständigten das Repertoire, so dass die Kapelle 1974 einen Einladung zum Kurkonzert in Bad Westernkotten erhielt. Bis heute finden regelmäßige Konzerte dort statt. Ebenso kam das Angebot, die Lobetagsprozession jährlich zu begleiten. Der Kapellmeister schrieb die Noten für teilweise uralte Kirchenlieder (Tradition) für etwa 20 Musiker. Die Prozession begann morgens um 6:00 Uhr und endete am  Mittag. Am selben Nachmittag war das Orchester auf dem Männerschützenfest in Anröchet verpflichtet. Das war ein anstrengender Tag, der dennoch allen viel Spaß bereitete.

Erstmals wurden einheitliche Röcke und Mützen vom Schneidermeister August Kalthoff aus Overhagen angefertigt. Alfons Räker besorgte aus dem Kleiderfond der Bundesbahn passende und auch preisgünstige Hosen und eine uniformierte Kapelle konnte auftreten.

Die Kapelle zählte zu der Zeit 30 Mitglieder. Zahlreiche Einladungen zu Schützenfesten brachten größere Einnahmen: Anröchter Männer- und Junggesellen Schützenfest, Schützenfeste im Stadtgebiet von Lippstadt (Norden, Süden und Stadtmitte) und selbstverständlich in unseren Heimatgemeinden. Mit den nun steigenden Einnahmen wurden immer anspruchsvollere Ausflüge mit den Ehefrauen der Musiker gemacht. Es war an der Zeit ein Kassenbuchführer und Vergnügungswart zu wählen. Alfons Räker führte jahrelang die Kasse und plante jährlich die Ausflüge, die zum größten Teil mit der Bahn von Freitag Abend (Liegewagen) bis Sonntag abends durchgeführt wurden. Sie führten das Blasorchesters zur Mosel, Berlin, Helgoland, Kopenhagen, München, Wien, Basel, Paris und London.

Die Entwicklung der Kapelle schritt weiter voran. Erich Scholz, der zweite Sohn des Ernst Scholz, übernahm die Bassstimme, als Schlösinger die Kapelle aus Altersgründen verlassen

hatte- Reinhard Schulte übernahm das Helikon von Kurt Pieske, der sich einen kleineren englischen Bass zugelegt hatte. Später schulte Reinhard Schulte auf Bariton um, so dass nun auch das Baritonregister komplett war.

Durch die vielen Auftritte wurden die Uniformen stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass es notwendig wurde, neue Uniformen anzuschaffen. Der Schneidermeister Scholand lieferte Mützen und militärische Uniformen in hellgrauem Stoff. Dazu kamen Ärmelstreifen mit der Aufschrift "Blasorchester-Hellinghausen". Diese Uniformen ähnelten sehr den Luftwaffen-Ausgehanzügen, sahen sehr gut aus und wurden auf dem Schützenfest in Herringhausen allgemein bewundert. Durch die zahlreichen Auftritte – das Blasorchester war mittlerweile ein hervorragender Klangkörper geworden- stiegen auch die Einnahmen. Es musste eine Satzung her, in der die Verteilung der Einnahmen neu geregelt werden musste. Im allgemeinen wurden die Einnahmen für Notenmaterial, Anschaffung von Instrumenten und für die Ausflüge verwendet. Die Frage tauchte auf, was geschieht mit denen, die am Ausflug, aus welchen Gründen auch immer, nicht teilnahmen. Nach langen Sitzungen fand man eine halbwegs annehmbare Lösung. Man setzte sich anschließend zusammen und entwarf einen neue Satzung. Reinhard Schulte übernahm die Federführung und in Anlehnung an die Satzung des Männergesangvereins Overhagen entstand einen neue Satzung.
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